9. Sächsischen Musiktherapietag der DMVS am 01.02.2019 in Leipzig

 

Download Einladung zum 9. Sächsischen Musiktherapietag

 

Ein Apfelbäumchen pflanzen – Eindrücke vom 9. Sächsischen Musiktherapietag der DMVS im Februar 2019 in Leipzig

 

Es war alles andere als ein Zufall, dass der 9. Sächsische Musiktherapietag für den 1. Februar 2019 ausgerechnet nach Leipzig eingeladen hatte: „Die Wiege der Regulativen Musiktherapie“, wie die DMVS ihre Tagung überschrieben hatte, stand in eben dieser Stadt. Und dies vor inzwischen reichlich 50 Jahren, wie ihr Begründer Dr. Christoph Schwabe dem gut gefüllten Auditorium im großen Therapie-Pavillon des Helios-Klinikums lebendig schilderte. Als „Klick – ja, eine Art Erleuchtung“ bezeichnet er, was ihm da dereinst begegnete.

Jahrelang und unermüdlich hatte er an der Leipziger Uniklinik schon mechanistische Herangehensweisen und eine allzu vulgär-neurologische Handhabung des Reiz-Reaktions-Musters kritisiert. „Als einer, der genügend politische Dresche bekommen hat, nur weil er Fragen gestellt hat!“ Und der sich doch nicht beirren ließ. Während seiner therapeutischen Arbeit berichteten ihm Patienten unter anderem über Gedanken, die immer wieder kämen und die sie partout nicht mehr haben wollten. Mehr und mehr fragte Schwabe nach, was denn da beim Hören von Musik in diesem Schwebezustand zwischen Wachen und Schlafen alles passiert sei. Und mehr und mehr wurde ihm klar: Statt der bisherigen Absicht, konkret etwas zu bewirken, erweist es sich als heilsamer und nachhaltiger das, was ist, intensiv wahrzunehmen. Es zuzulassen. Alles zuzulassen. Therapeutisch umzugehen mit dem, was sich zeigen will auf körperlicher, emotionaler und gedanklicher Ebene in der Begegnung des Patienten mit sich selbst. Und mit der Musik, die diese Prozesse anzustoßen vermag. Die Regulative Musiktherapie war aus der Taufe gehoben.

 

Fingerfood – wenn der Happen für die ganze Mahlzeit gehalten wird

 

„Mittlerweile hat die RMT ein bewegtes Leben hinter sich“, lenkte Akademie-Leiterin Ulrike Haase den Blick auf die Gegenwart. Nach einer Blütezeit bis 1989 war das RMT-Schicksal aufgrund radikaler Umbrüche und ignoranter Überstülpungen scheinbar besiegelt. Ihre Auferstehung aber sei in vollem Gange, und zwar nicht nur in Deutschland. Doch diese Renaissance bringe auch Missverständnisse mit sich, beklagt Ulrike Haase und räumte in ihrem ambitionierten Vortrag gleich mit dreien davon auf: D e r Bezugspunkt der RMT ist die Musik? Nein, der Bezugspunkt ist der leidende Mensch. Nimm wahr, was dich ausmacht, so die therapeutische Anregung. Zu deinem Gegenüber – Musik – kannst du eine Beziehung aufbauen wie zu einem Menschen. Zweites Missverständnis: Nur bekannte oder Musik nach dem Bedürfnis des Patienten kann etwas bewirken. – Kaum, denn das bedeutete eine Bestätigung seiner bisherigen Verhaltensmuster. Die Prozesse, die diese Musik bei ihm hervorruft, sind festgelegt. Es gehe aber gerade darum, diese Verhaltensmuster aufzulösen. Nur so kann nachhaltig ein gesünderer Umgang mit sich selbst eingeübt werden. Drittens schließlich beobachten Ulrike Haase und ihre MitstreiterInnen den Versuch, die Komplexität des gesamten Geschehens in handliche Erklärungen herunter zu brechen. „Therapeutisches Fingerfood“ nennt sie das, „wenn der Happen für die ganze Mahlzeit gehalten wird“. Symptome aber müssten vielmehr in ein größeres Wahrnehmungsprogramm eingeordnet werden. Auf keinen Fall gelte die Parole „Ran an den Feind“, sondern es gehe um eine anschauende Zuwendung zu einer Botschaft, die allein dadurch ihren Schrecken verlieren kann. Ein Prozess, der einen langen Atem erfordert und alles andere als leicht ist. Wie schwierig es sich gestaltet, gegen den Impuls anzukämpfen, alles „wegzumachen“, wurde nicht zuletzt in vorgestellten Erfahrungsberichten von AusbildungsteilnehmerInnen deutlich: Was aktiviert sich da nicht alles an Widerstand, statt endlich dem Gefühl zu sagen: „Hallo, schön, dass du da bist…“

 

Eine Methode ist immer nur so gut wie der Therapeut

 

Seit 2004 ist die RMT integriert in die musiktherapeutische Arbeit der Akademie und selbstverständlich dabei immer als Verbindung von Selbsterfahrung und Theorie. Kritisch angemerkt wurde diesbezüglich auf dem Sächsischen Musiktherapietag, dass die landläufige psychotherapeutische Ausbildung eine immer weitere Akademisierung erfahre. „Eine Methode ist aber immer nur so gut wie der Therapeut, der sie ausübt“, formulierte die Crossener Akademie-leiterin und erlaubte sich die Frage, wie es denn neben der Methoden- mit der Therapeuten-Forschung stünde. Wie reagiert man selbst unter labilisierenden Bedingungen? Welche teil- oder nicht bewussten Mechanismen kommen möglicherweise zutage?

Sehr offen erzählten Martina Leipoldt und Uta Rupf auch darüber aus ihrem Klinik-Alltag mit suchtkranken Menschen in Langzeittherapie, erwähnten die mitunter fehlenden Fähigkeiten im Verbalisieren, ja, im erst einmal Wahrnehmen des an sich selbst Empfundenen. Martina Leipoldt beschrieb das Stöhnen von Patienten über Klassik und ihr eigenes eifriges Erklären, bevor ihr – eingebettet in ein achtköpfiges MusiktherapeutInnen-Team am Helios-Klinikum – dann ganz neue Ideen für RMT kamen… Und doch begegne sie in ihrer Klinik mit deren Patienten nichts anderem als unserer „Lust- und Konsumgesellschaft“. Einer Gesellschaft überdies, so Christoph Schwabe, „in der es eine große Konkurrenz gibt von Techniken, die den schnellen Erfolg verkünden“. RMT aber hat Trainings-Charakter, setzt auf einen Lernprozess, der im besten Falle zu einer Lebenshaltung wird – etwa wie Gebet, wie Meditation. „Hat die RMT Zukunft?“ fragte in Anbetracht all dieser Umstände Magdalene Wohlfarth in ihrem Podiums-Interview Dr. Christoph Schwabe. „Das Hoffnungsvolle ist“, so Schwabe, „ dass es eine Akademie gibt. Dass junge Leute, die sich dort ausbilden, ihre Erfahrungen dort nicht mehr missen wollen. Wenn wir hier ein Apfelbäumchen pflanzen, sollten wir da, wo wir sind, Einfluss nehmen und das machen, wovon wir überzeugt sind.“

 

Kathrin Schanze, Leipzig
Journalistin

 

Bilder zum 9. Sächsischer Musiktherapietag 2019