Aktuelle Informationen

Erlebnisbericht zur 6. Wissenschaftlichen Tagung 2009

"Wahrnehmen, Wahrnehmungsreflexion, Wahrnehmungsverständnis - universelle oder spezifisch musiktherapeutische Prinzipien?"

23.-25. Oktober 2009, Bad Klosterlausnitz

Offen und neugierig fuhr ich zur Tagung "Wahrnehmen, Wahrnehmungsreflexion, Wahrnehmungsverständnis…". Und ich erlebte die Tage, die Beiträge, dort ganz gegenwärtig, im Schnittpunkt von Vergangenem und Künftigem, nach Kierkegaard: das Leben "vorwärts lebend", es aber "rückwärts verstehend".

Äußerten sich doch unter den Referenten verschiedener Bereiche auch die Väter der Regulativen Musiktherapie (RMT) Dr. Christoph Schwabe, Dr. Helmut Röhrborn und Axel Reinhardt sowie jahrzehntelang wirkende Wegbegleiter wie Prof. Dr. Michael Geyer und Dr. Hans-Joachim Maaz und zeigte sich zugleich die Aktualität und das in die Zukunft weisende Potenzial ihrer Positionen.

Die Chefärztin der Klinik und Tagungsstätte Frau Dr. Petra Krombholz nannte in herzlichen Begrüßungsworten Wahrnehmungen "Fenster zur Welt". Dr. Christof Nachtigall, Diplom-Mathematiker und -Psychologe der Universität Jena, beschrieb Wahrnehmen als aktiven Prozess des Konstruierens, bei dem Kategorisierungsvorgänge effektiv und zugleich verfälschend wirken, womit verantwortlich umzugehen ist. Einer Sache Aufmerksamkeit widmen in ursächlicher Bedeutung meint keine selektive, bewertende Sicht. Hans-Joachim Maaz stellte seine Auffassungen von Zusammenhängen zwischen individuellen Mütterlichkeits- und Väterlichkeitsstörungen und auch kollektiven Wahrnehmungsstörungen dar.

So bietet sich Wahrnehmung als zentraler Begriff und als Bindeglied zwischen den Therapien und Schulen an, gerade wenn Michael Geyer pointiert feststellt, es gäbe nicht gute oder schlechte Psychotherapie-Methoden, sondern nur gute oder schlechte Psychotherapeuten.

Das im Prinzip der RMT erfasste akzeptierend differenzierende Wahrnehmen von Angenehmem und Unangenehmem weist wohl mehr Nähe zu Ursprünglichem auf als zu Modeströmungen, etwa oberflächlichen Erklärungen von „Achtsamkeit" (erhellend die Auseinandersetzung damit in Axel Reinhardts Beitrag und interessant die von Rina Rumler-Kim hergestellten inhaltlichen Bezüge zur Vipassana-Meditation im Buddhismus).

Wenn im hochkomplexen Prozess der Psychotherapie zur Beförderung seelischer Gesundheit Bewegung ins System gebracht werden muss (Michael Geyer), so können gerade in der RMT im Wahrnehmungsraum Musik entsprechende Affekte ausgelöst und reguliert werden, in pendelnder Aufmerksamkeit zwischen innen und außen (Ulrike Haase).

Edith Geiger und Carola Maack beschrieben als Vertreterinnen des GIM nach Helen Bonny die verbale Begleitung im laufenden Wahrnehmungsprozess; in der RMT äußert sich der Patient erst im Nachhinein in emotional-kognitiver Betrachtungsweise (auf das Gebot, nicht vorschnell zu deuten, zu interpretieren wurde mehrfach verwiesen). Interessant wäre weiterer Austausch aus verschiedenen Blickrichtungen, wie im Podiumsgespräch dazu angeregt. Motivierend wirkten auf mich in Bad Klosterlausnitz wissenschaftliche und Erlebnis-Berichte und natürlich Musik, konsumiert und produziert.

Ein besonderes Dankeschön an Matthias Trommler und die neuen Kammermusikanten!

 

Christine Adler

Dr. phil. Christine Adler, Zwickau, arbeitet als Musiktherapeutin am Asklepios Fachklinikum Wiesen/Sachsen